Texte, Gedichte, Poesie
zum Anregen und Nachdenken
aus Narziß und Goldmund (Hermann Hesse)

ja, und es war vielleicht nicht bloß kindlicher und menschlicher, ein Goldmundleben zu führen, es war am Ende wohl auch mutiger und größer, sich dem grausamen Strom und Wirrwarr zu überlassen, Sünden zu begehen und ihre bitteren Folgen auf sich zu nehmen, statt abseits der Welt mit gewaschenen Händen ein sauberes Leben zu führen, sich einen Gedankengarten voll Harmonie anzulegen und zwischen seinen behüteten Beeten sündelos zu wandeln. es war vielleicht schwerer, tapferer und edler, mit zerrissenen Schuhen durch die Wälder und auf den Landstraßen zu wandern, Sonne und Regen, Hunger und Not zu leiden, mit den Freuden der Sinne zu spielen und sie mit Leiden zu bezahlen.
Desiderata

Geh deinen Weg gelassen im Lärm und in der Hektik dieser Zeit,
und behalte im Sinn den Frieden, der in der Stille wohnt.
Bemühe dich, mit allen Menschen auszukommen, soweit es möglich ist,
ohne dich selbst aufzugeben.
Sprich das, was du als wahr erkannt hast, gelassen und klar aus,
und höre anderen Menschen zu,
auch den Langweiligen und Unwissenden, denn auch sie haben etwas zu sagen.
Meide aufdringliche und aggressive Menschen,
denn sie sind ein Aergernis fuer den Geist.
Vergleiche dich nicht mit anderen, damit du nicht eitel und bitter wirst,
denn es wird immer Menschen geben, die größer sind als du,
und Menschen, die geringer sind.
Erfreue dich an dem, was du schon erreicht hast, wie auch an deinen Plänen.
Bleibe an deinem beruflichen Fortkommen interessiert,
wie bescheiden es auch sein mag;
es ist ein echter Besitz in den Wechselfällen der Zeit.
Sei vorsichtig in deinen geschäftlichen Angelegenheiten,
denn die Welt ist voller Trug.
Lass dich jedoch dadurch nicht blind machen für die Tugend, die dir begegnet.
Viele Menschen haben hohe Ideale, und wo du auch hinsiehst,
ereignet sich im Leben Heldenhaftes.
Sei du selbst, und was ganz wichtig ist, täusche keine Zuneigung vor.
Hüte dich davor, der Liebe zynisch zu begegnen,
denn trotz aller Dürreperioden und Enttäuschungen
ist sie beständig wie das Gras.
Nimm den Rat, den dir die Lebensjahre geben, freundlich an,
und lass mit Würde ab von dem, was zur Jugendzeit gehört.
Stärke die Kraft deines Geistes, so dass sie dich schützt,
wenn ein Schicksalsschlag dich trifft.
Doch halte deine Phantasie im Zaum, damit sie dich nicht in Sorge versetzt.
Viele Aengste wurzeln in Erschöpfung und Einsamkeit.
Uebe gesunde Selbstdisziplin, doch vor allem sei gut zu dir.
Du bist ein Kind des Universums, nicht weniger als die Bäume und die Sterne:
Du hast ein Recht da zu leben.
Und ob es dir nun bewusst ist oder nicht,
das Universum entfaltet sich ganz sicher so, wie es ihm bestimmt ist.
Lebe daher in Frieden mit Gott, wie auch immer du ihn dir vorstellst.
Und worauf du deine Anstrengungen auch richtest,
was es auch ist, das du erstrebst, im lärmenden Durcheinander des Lebens,
sei mit dir selbst im Reinen.
Trotz allen Trugs, aller Mühsal und aller zerbrochenen Träume
ist die Welt doch wunderschön.
Lebe glücklich darin und nutze deine Zeit.
Es wird meistens behauptet, dieser Text sei die Inschrift der alten St. Pauls Kirche in Baltimore von 1692. Tatsächlich soll der Autor jedoch der deutsch-amerikanische Dichter Max Ehrmann sein, der das Copyright dazu im Jahre 1927 eingereicht hatte.
Kind (Martin Stein)

Deine erste kleinen Schritte, wack'lig noch an meiner Hand
Nun gehst Du auf eig'nen Füßen auf Abenteuer durch das Land
Wie stolz Du bist, zeigt Dein Gesicht, endlich nicht auf allen Vieren
sondern aufrecht wie ein Mensch durch die Wohnung zu spazieren.

Die kleinen Beine tragen kaum Dein Gewicht. Noch etwas steif
setzt Du Deine kleinen Füße. Doch so langsam bist Du reif
Dich selber auf den Weg zu machen und vorsichtig zu gehen
in Deine eig'ne kleine Zukunft um sie sicher zu bestehn.

Bald gehst Du selber, ohne Hand, die stützend Dich begleitet
und die Dir im Moment noch einen ruhigen sich'ren Weg bereitet.
Doch nicht mehr lang und Du musst selbst die eig'nen Pfade finden.
und Hindernisse auf dem Weg ohne Hilfe ueberwinden.

Wo werden sie Dich wohl hintragen, auf Deinen eig'nen Bahnen
Ich wünsche manchmal, ich könnte heut Deinen Zukunftsweg erahnen.
Ihn schon mal kurz vorrauszugehn und üble Stolpersteine
entfernen und den Boden ebnen. Doch das musst Du wohl alleine.

Der erste Schritt zum eignen Ich, der Grundstein ist gelegt.
Denn Du bestimmst nun selbst den Weg, auf dem Du Dich bewegst.
Fang an zu laufen und erkunde Deine Umwelt mehr und mehr.
Lauf fort und schau, was Du entdeckst, doch komm auch wieder her.

Sei vorsichtig wohin Du tritts, behutsam sei Dein Gehen.
Wie schnell ist doch etwas zertreten, weil Du es nicht gesehen
Wieviel ist schon von starken Stiefeln einfach totgetreten worden
im blinden Marsch und Stiefeltakt. Ja, Füße koennen morden.

Bedächtig lenke Deine Schritte. vorrausschauend sei Dein Gehen,
sei nicht zu stuermisch, sei behutsam. Versuch immer zu sehen,
wohin Dich Deine nächsten Schritte führen werden. Lauf nicht blind
in Deine ungewisse Zukunft. Darum bitt ich Dich, mein Kind.

Doch noch ist es zu früh, Dir solche Ratschläge zu geben.
Noch wackelst Du an meiner Hand und freust Dich pur am Leben.
Stapfe drauf los, ich halte Dich. Erforsch die Fähigkeit.
Für alles andere was kommt, hast Du noch ewig Zeit.

Einem Freunde (Hermann Hesse)

Wie kommt es, dass du mich verstehst,
wenn ich die Sprache meiner Heimat rede,
die doch so weit jenseits der Meere liegt?
Und wenn ich still zu meinen Göttern bete,
dass du unsichtbar bei mir stehst
und deine Freundeshand in meiner liegt?

Auch fühl ich oft mit weichem Strich
beim geigen deine Hand mich rühren,
und wenn ich krank bin, ängstet's mich,
du möchtest meine Leiden spüren.